Über das Vorlesen als Band zwischen Eltern und Kindern
Von Peter Schnaubelt
Jüngst hatte ich in einer meiner Klassen ein erhellendes Erlebnis. Die Zwölfjährigen waren recht ausgelassen und am Erlernen der unregelmäßigen englischen Verben nicht gerade brennend inter-essiert. Ich startete den Versuch, auf spaßige Weise für Aufmerksamkeit zu sorgen. „Wenn jetzt nicht gleich Ruhe herrscht“, rief ich, „dann verwandle ich mich in dieses grüne Monster!“ – „In welches?“, ging Paul in der ersten Reihe gleich auf mein Spiel ein. Und noch bevor ich den unglaublichen Hulk, den ich eigentlich im Sinn hatte, erwähnen konnte, machte der Bub einen ganz anderen und völlig unerwarteten Vorschlag: „In den Froschkönig?“
Abgesehen davon, dass in meinem Alter die Vorstellung, sich noch in einen schönen Prinzen verwandeln zu können, eine reizvolle ist, mussten wir alle so herzhaft lachen, dass die Grammatik vorerst vergessen war. Wie er denn auf diese Idee gekommen sei, wollte ich von Paul wissen – ob der muskelbepackte Hulk nicht eine wesentlich coolere Figur sei als das Märchentier? Da schaute mich Paul mit großen Augen an und stellte mit jenem fast feierlichen Ernst, den sich Kinder dieses Alters zuweilen noch bewahrt haben, fest: „Das hat mir meine Oma immer vorge-lesen. Das werd ich nie vergessen!“
Vorlesen droht heutzutage ins Hintertreffen zu geraten. Mehr als ein Drittel der Eltern, so erfahren wir in einer rezenten Studie, würde ihren Kindern nur noch selten oder gar nicht vorlesen. Was sich wiederum auf künftige Generationen auswirke, würde das Vorlesen doch vererbt: „Kinder, die heute Vorlesen erleben, geben diese Erfahrungen morgen selbst aktiv weiter.“
Die emotionale Reise, die Vorlesen bedeutet, vermag in einzigartiger Weise zu bilden und zu verbinden. Wir schaffen dabei ein Gefühl, das ich emotionale Sicherheit nennen möchte. Die ritualisierten Vorbereitungen, die Entscheidung für eine bestimmte Lektüre, das Auskosten von Sprache, das fantasievolle Erleben neuer Welten; dazu das Kuscheln, die Nähe, das Vertrauen, die Sicherheit, die Kinder dabei verspüren und die in ihnen zur Selbstsicherheit reift: Da ist jemand ganz für mich da, da ist jemand, der mich liebt, so wie ich bin.
Lang ist es her, dass ich meinen eigenen Kindern vorgelesen habe; doch an diese besonderen Momente werde ich mich, genauso wie mein Schüler Paul, wohl immer erinnern.